Materialehrlichkeit: wenn das Material selbst die Aussage ist

Auf einen Blick

Ein Möbel, das nicht so tun muss, als wäre es aus etwas anderem: 6 Entwürfe zeigen, wie Materialehrlichkeit vom Werkbund bis heute Gestaltung prägt – sichtbar, reparierbar, ohne Täuschung.

Ein Material darf zeigen, was es ist. Materialehrlichkeit heißt: kein aufgedrucktes Furnier, das eine andere Holzart vortäuscht, keine Verbindung, die hinter einer Blende versteckt wird, keine Lackschicht, die die Herkunft des Holzes verschleiert. Das Material trägt seine eigene Geschichte sichtbar auf der Oberfläche.

Bei „Die Wandel“, einer Fassadenbekleidung aus gespaltener Eiche mit roher Oberfläche, heißt es in der Entwurfsbeschreibung, das Holz wirke, „als hätte es seine Herkunft noch nicht vergessen“. Genauer lässt sich das Prinzip kaum zusammenfassen.

Häufige Fragen

Was bedeutet „Materialehrlichkeit" genau?

Ein Gestaltungsprinzip, nach dem ein Werkstoff so verwendet wird, wie es seiner Eigenart entspricht – ohne Verkleidung, Imitation oder versteckte Verbindungen.

Woher stammt das Prinzip?

Aus der Arts-and-Crafts-Bewegung des 19. Jahrhunderts und wurde vom Deutschen Werkbund (ab 1907) als „Materialgerechtigkeit“ zu einem eigenen Gestaltungsgrundsatz, später vom Bauhaus fortgeführt.

Ist Furnier automatisch unehrlich?

Nein. Unehrlich ist Furnier nur, wenn es vortäuscht, etwas anderes zu sein – etwa bedruckte Folie statt echtem Holz. Furnier als eigenständige, sichtbare Technik (siehe Furnierarbeiten) widerspricht dem Prinzip nicht.

Welche Verbindungen passen zu materialehrlicher Gestaltung?

Sichtbare, lösbare Holzverbindungen wie Zapfen, Schwalbenschwanz oder Gratleisten – alles, wo die Verbindung Teil der Formensprache bleibt statt versteckt zu werden.

Was hat Materialehrlichkeit mit Nachhaltigkeit zu tun?

Sichtbare, unverleimte Verbindungen lassen sich reparieren und zerlegen, statt zerstört werden zu müssen. Das ist eine frühe, handwerkliche Version dessen, was heute als Kreislaufwirtschaft diskutiert wird.

Achtet beim Durchsehen auf das, was nicht kaschiert wird: sichtbare Verbindungen, unbehandelte Oberflächen, Material, das seine Herkunft zeigt.