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Sideboard | GesellenstückIn Zeiten von Homeoffice und Work-Life-Balance finden Arbeit und Wohnen häufig zur selben Zeit und…
Auf der Suche nach der Idee für dein Gesellenstück? Hier stöberst du durch echte Entwürfe – und findest raus, warum die beste Idee meist die persönlichste ist.
Es gibt Schränke seit Jahrhunderten, in jedem Stil, jeder Bauweise, jeder erdenklichen Proportion. Wie soll man da noch etwas Eigenes finden, ohne das Rad neu zu erfinden?
Die gute Nachricht: Du musst das Rad nicht neu erfinden. Du musst nur eine Frage für dich beantworten: Zu welchem Stück kannst du eine Geschichte erzählen?
Nicht „was ist gerade angesagt“ oder „was kommt bei der Jury gut an“ – sondern: Was verbindet dich mit einer Idee, einem Material, einer Person, einer Erinnerung? Genau da, in dieser Verbindung, steckt der Anfang für ein Gesellenstück, das nicht nur funktioniert, sondern dir gehört.
Ich hab mein Gesellenstück Mitte der 90er gebaut, ein Phono-Hängeschrank. Aufgehängt an Keilleisten, damit der Dielenboden beim Vorbeigehen nicht den Plattenteller zum Wackeln bringt. Damals war es in, dass hochwertige Hifi-Anlagen Holz-Wangen bekamen, um das „Highend“ auch optisch zu unterstreichen. Das gefiel mir, also hat mein Schrank auch welche gekriegt, ohne dass sie irgendeine Funktion hatten. Proportionen am goldenen Schnitt ausgerichtet, eine Ablage für Plattenspieler, Verstärker und CD-Player, akustisch vom Korpus entkoppelt.
Ich hatte damals keinen Gestalter an der Seite, der mir einen Tipp hätte geben können. Also wusste ich einfach nichts über Material, Nachhaltigkeit oder reduzierten Einsatz von Gestaltungselementen und hab’s übertrieben: Eisbirke-Furnier für die Ablage, 2 mm schwarz gefärbtes Starkfurnier in der Mittellage, Wurzelbirke für die Türen, massive Birke für die Griffe. Sah für sich genommen gut aus. In der Summe zu viel.
Und dann die Beize. Die sollte alles harmonisieren, ein warmes Braun. Geworden ist es Violett. Ich weiß bis heute nicht genau, woran’s lag.
Was ich daraus gelernt hab: Schön aussehen reicht nicht. Es geht um Beziehung, zu einem Material, einer Technik, einer Idee. Und es geht darum, das handwerklich auch zu tragen, nicht nur optisch zu behaupten.
Die Frage, die du dir im letzten Ausbildungsjahr stellst, ist selten „welches Möbel“, sondern eher: Wie kann ich bei etwas glänzen, das es in x Varianten schon gibt? Muss ich das Rad neu erfinden?
Nein. Aber du kannst dir eine Frage stellen: Gibt es einen Menschen, eine Situation, eine Erinnerung, aus der du schöpfen kannst? Jemand, der dich geprägt hat. Ein Handwerk, das dich fasziniert, auch wenn es nicht Tischlern ist. Ein Ort. Ein Moment. Genau dort liegt oft der Ansatz für ein Stück, zu dem du und andere eine Beziehung entwickeln können.
In der Entwicklung deines Gesellenstücks steckt mehr Potenzial, als man denkt. Für viele ist es das erste Mal, dass sie wirklich etwas Großes ganz allein gestalten und bauen dürfen. Das ist ein besonderer Moment, und er kann für Selbstbewusstsein sorgen, das über die Prüfung hinausträgt.
Viele Gesellenstücke laufen anschließend bei „Die Gute Form“, einem mehrstufigen Wettbewerb (Innungsebene, Landesebene, Bundesebene), der besonders gestalterisch überzeugende Arbeiten auszeichnet. Ein Kriterium dabei: klassische Verbindungstechnik im engeren Sinn, Furnierarbeiten zählen zum Beispiel nicht dazu, da braucht’s echte Zapfen-, Schlitz- oder Zinkenverbindungen. Auch eine selbst gefertigte Oberflächenbehandlung ist Pflicht.
Lohnt sich, das schon bei der Ideenfindung im Hinterkopf zu haben, falls du dein Stück später dort zeigen willst.
Ein Gesellenstück ist die praktische Prüfungsarbeit am Ende der Ausbildung im Tischler- und Schreinerhandwerk: ein selbst entworfenes und gefertigtes Möbel, das über den Gesellenbrief entscheidet. Es steht am Übergang von Auszubildendem zu Gesellin oder Geselle — die erste eigenständige Arbeit, die vor einer Prüfungskommission bestehen muss.
Die Rahmenbedingungen setzt die zuständige Handwerkskammer. Üblich sind rund 100 Stunden Werkstattzeit für die eigentliche Fertigung, dazu die Vorarbeit für Entwurf, Zeichnung und Materialdisposition. Verteilt wird das meist über mehrere Wochen. Für konkrete Zahlen ist die eigene HWK oder Berufsschule die richtige Adresse — Details variieren regional.
In der Regel der Ausbildungsbetrieb. Wenn du besondere Wünsche hast — teures Furnier, ungewöhnliches Massivholz, hochwertige Beschläge — lohnt sich das Gespräch vor Prüfungsbeginn. Manche Auszubildende steuern eigenes Wunschmaterial dazu, wenn der Betrieb den Standard-Etat sprengt. Die Materialkosten fürs Gesellenstück sind Teil der üblichen Ausbildungskosten.
Rechtlich hängt es vom Ausbildungsvertrag ab. In der Praxis ist es meist so: Das Möbel gehört dem Ausbildungsbetrieb, viele Betriebe überlassen es aber dem Prüfling — geschenkt oder gegen einen symbolischen Preis. Wichtig: vor Prüfungsbeginn klären, damit später niemand überrascht ist.
Das Gesellenstück steht am Ende der Ausbildung, meist im dritten Lehrjahr. Das Meisterstück steht mehrere Jahre später am Ende der Meisterausbildung — mit deutlich höherem Anspruch an Eigenständigkeit, Gestaltung und Kalkulation, und einem Vollzeit-Vorbereitungslehrgang davor. Wer ein Gesellenstück gebaut hat, hat gezeigt, dass sie das Handwerk beherrscht. Wer ein Meisterstück baut, zeigt, dass sie eigenständig gestalten und leiten kann.
Im Rahmen von »Holz bewegt« zeigen wir alle zwei Jahre eine kuratierte Auswahl der stärksten Gesellenstücke aus Norddeutschland — im Museum der Arbeit in Hamburg. Ganzjährig durchsehen kannst du das komplette Wettbewerbsarchiv von »Holz bewegt« direkt hier auf der Seite.
Diese Seite ist kein trockener Ratgeber, sie ist eine Sammlung echter Wettbewerbsbeiträge. Stöber durch die Entwürfe unten, sieh dir an, welche Geschichten andere erzählt haben, welche Materialien, welche Wege. Vielleicht ist genau das der Anstoß, den du gerade brauchst. Und falls du schon weiter bist als deine Gesellenprüfung: Auf der Meisterstück-Seitezeigen wir, wohin die Reise als Nächstes gehen kann.